– oder: Lasst uns von Hügeln und Tälern sprechen

Umschreibende Begriffe wie „Plus Size“ machen es leichter, gefunden zu werden, weil sie sich eingebürgert haben. Ihnen zugrunde liegt allerdings der Versuch, Wörter wir dick oder fett zu vermeiden. Statt über Körper zu sprechen wird das Unterscheidungsmerkmal der Kleidergröße gewählt. Doch wenn wir Bekleidung nähen, müssen wir den Körper anschauen und zwar ganz genau. Wir müssen alle Hügel und Täler des Körpers kennen, den wir benähen wollen. 

In diesem Blogpost bekommst du eine Zusammenfassung der Inhalte der Podcastepisode. Im Podcast selbst, erzähle ich noch etwas ausführlicher.

Über ein paar freundliche Worte oder/und ein paar Sternchen zur Bewertung des Podcasts bei itunes/apple-Podcasts würde ich mich sehr freuen! 

Alle Informationen zum Passt-Podcast sowie Links zu allen Episoden findest du hier: *klick*


 

Darum geht es in Episode #63 (Stichwortartige Kurzfassung)

Weil mich so viele letzte Woche darauf angesprochen haben noch ein Nachtrag zur letzten Episode: ich wurde gefragt, was die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung sei. 

Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V.  ist ein Verein mit dem Ziel, die soziale Akzeptanz von dicken Menschen zu verbessern und Diskriminierung auf der Basis von Körpergewicht entgegen zu wirken. Sie engagieren, informieren, beraten und machen in der Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam, klären über Alternativen zur Gewichtsdiskriminierung auf und betreiben Präventionsarbeit. Seit 2016 wird daran gearbeitet, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetzt um das Diskriminierungsmerkmal „Gewicht/äußeres Erscheinungsbild“ zu ergänzen. Ich finde das gut und richtig, dass es einen Zusammenschluß, eine Interessenvertretung für mich gibt und bin dort Mitglied. Ihr findet mehr Informationen unter der URL gewichtsdiskriminierung.de. 

 

Fett-Akzeptanz oder Fat-Liberation statt Körper-Akzeptanz?

Und noch ein Nachtrag zu der Episode von letzter Woche. Je mehr ich darüber nachdachte, hinterfragte ich den Begriff „Körperakzeptanz“ – gerade in Hinblick auf das Staffelthema. Warum spreche ich nicht von Fett-Akzeptanz? Was macht es mir so schwer, das Wort „fett“, klein- oder großgeschrieben auszuprechen? 

In „Happy Fat – Nimm dir deinen Platz“, dem Buch von Sofie Hagen das es endlich auf deutsch gibt, las ich dass diese ganzen Umschreibungen und Vermeidungen des Begriffes „Fett“ einen Namen haben „Phatphobia“ also „Phobie vor Fett“. Wisst ihr, was eine Phobie ist? Es ist eine Angst. Es geht um Angst vor Fett und seinen Konsequenzen und es ist eine Botschaft, die uns ständig mitgegeben wird, in den Medien, Magazinen etc. in Bildern, aber auch in Aussagen wie „Adipositas-Epedemie – wer werden alle sterben!“. 

Dabei ist fett wenn überhaupt neutral, es ist nicht böse. Du darfst dich gern haben so wie du bist. Fett ist nur ein Aspekt von dir. Auch wenn es der sichtbarste Aspekt ist. 

Sofie Hagen verwendet bewußt nicht den Begriff „Body Positivity“, weil dieser Begriff von Unternehmen mit Interessen (uns etwas zu verkaufen) gekapert wurde. Sie schreibt über „Fat Liberation“ und das ist etwas, was ich eigentlich auch will, ohne bisher den Mum zu haben, es so deutlich auszusprechen. Es ist schwer, sich einzugestehen, dass ich aufgrund meiner Körperform diskriminiert werde und dass das geschieht, weil es einen gesellschaftlich geschürten Hass auf Fett und dicke Menschen gibt. 

Fat Liberation ist eine Bewegung, die es seit Ende der 1960er Jahren gibt, wo es nicht um Selbstliebe und Selbstvertrauen geht. Es ist eine Bewegung die ausspricht und verdeutlich, dass es Diskriminierung gibt und dass es eben nicht unser persönliches Problem ist dick zu sein, das wir auf eigene Faust lösen müssen. Weil das vielen noch nicht bekannt ist, werde ich noch eine Podcast-Episode machen, in der ich über diese Bewegung erzählen werde. Jetzt komme ich erstmal auf das Thema zurück, das ich letzte Woche angekündigt habe. Ich spreche über die Hügel und Täler des Körpers, die ich benutze, um dicke Körper zu bezeichnen, statt von Plus Size zu sprechen. 

 

Plus Size meint Kleidung – ich spreche über Körper

Plus Size spricht nicht über den Körper, sondern über die Kleidung. Das ist vordergründig freundlicher. Mit dem Klassifizieren des Körpers indirekt über die Kleidung vermeiden wir es, über den Körper zu sprechen. Wir nutzen Zahlen wie Kleidergrößen, um die Körperfülle einzuordnen und müssen auf diese Weise nicht über konkrete Hügel und Täler eines Körpers sprechen. 

Es ist viel einfacher zu sagen „ich trage eine Größe 52“, als sich vor den Spiegel zu stellen und die Form und Beschaffenheit des Bauches, des weichen Gewebes um die Taille und die Oberschenkel anzuschauen. Aber wenn wir Bekleidung nähen, dann müssen wir genauer hinschauen! 

Meine Lösung: ich spreche von Hügeln und Tälern des Körpers. Wir sind alle dreidimensional, wir sind alle rund. Manche Körper sind runder als ander. Manche Hügel sind stärker ausgeprägt als andere. Manche Hügel müssen derart in der Kleidung berücksichtig werden, dass bei Körperhaltungen wie dem Sitzen nichts wehtut, weil es drückt. 

Mit den „Hügeln und Tälern“ mache ich es mir nicht leicht. Klar, sind das Oberbegriffe, die es uns leichter machen, abstrakt von Körperfülle zu sprechen. Aber wenn es dann konkret um Nähprojekte und Schnittanpassung geht, müssen wir diese Abstraktionsebene verlassen. Wir müssen etwas näher heranzoomen und genau hinschauen. Dann geht es plötzlich nicht mehr um die Hügel an sich, sondern um den Bauch, den Unterbauch, seine Form, seine Lage und seine Ansprüche an Kleidung. 

Mir geht es darum, statt über den Menschen zu sprechen und ihn dabei in eine Schublade zu stecken, über die Körperstellen zu sprechen, die zu bekleiden anspruchsvoll sind. Das macht einen Unterschied. 

Mehr über “curvy-Schnittanpassung” erfährst du in meinem Buch “Passt perfekt Plus Size“. Wenn du andere “Plus-Size-Frauen” treffen möchtest, die auch gerade lernen ihre Kleidung nähen und Schnittmuster dafür anzupassen, dann komm in die curvy crafteln Facebookgruppe